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  buddhistische psychologie

Unser Leben hat sowohl eine universelle als auch eine persönliche Dimension.
Beide müssen respektiert werden, wenn wir frei und glücklich sein wollen. 
          
(Jack Kornfield)

»In der buddhistischen Psychologie sind das Verständnis und das Durchdringen dieser Lehre von den beiden Wahrheiten essenziell und es wird davon ausgegangen, »dass Heilung dann stattfindet, wenn wir uns aus der Welt der Begriffe lösen und in die direkte Erfahrung eintreten. Unsere geistigen Konzepte und Vorstellungen über Dinge, Menschen oder Gefühle sind statisch. […] die Realität der Erfahrung aber ist ein stets sich wandelnder Fluss. Die direkte Wahrnehmung greift unter die Schicht der Namen und Begriffe, die wir den Dingen geben, und legt deren geheimnisvolle, flüchtige Natur offen« (Kornfield 2008, S. 131)«.

»Die buddhistische Psychologie hat mit dem, was an unseren Universitäten im 21. Jahrhundert als wissenschaftliche Psychologie gelehrt wird, wenig zu tun. Sie ist eine, auf Meditationpraxis und Selbst-Erforschung gegründete Lehre über innere Befreiungs- und Heilswege, deren Wurzeln auf den historischen Buddha (über 2000 Jahre) zurück reichen« (zitiert nach Anderssen-Reuster & Meibert in: Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining).

Menschenbild

»Ein Hauptmerkmal buddhistischer Psychotherapie ist der »Blick auf das Gesunde«: Sie geht stets davon aus, dass jeder Mensch gesund werden und erwachen kann – und beides im Grunde seines Seins schon ist. Buddhistische Psychologie orientiert sich am Gesunden, nicht am Problem. Wir wenden uns im anderen an sein gesundes Potenzial, seine schlummernden Qualitäten, auch »Buddhanatur« genannt und adressieren nicht in erster Linie die Schwierigkeiten der Person vor uns, sondern richten den Blick bewusst auf die in ihr vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten. Es geht stets darum, diese Qualtitäten zu fördern und vorübergehende Entwicklungsstörungen, wie sie in Form von Problemen, Depressionen, Neurosen, psychosomatischen Erkrankungen und Ähnlichem auftreten, nicht durch Überbewertung zu verfestigen«  (zitiert nach Lama Lhündrup alias Tilmann Borghardt in  »Buddhismus Aktuell« Heft 1/2009).

Nicht-Identifikation in Achtsamkeit

Besondere Aufmerksamkeit bekommen in dieser Vorgehensweise alle psychischen Verstrickungen, die auf Identifikationsprozessen mit einer Ich-Vorstellung (Anhaftungen) beruhen. Es geht hier immer um das Anliegen, den Weg der Des-Identifikation zu finden und zu beschreiten. Die buddhistische Psychologie bietet Praxisanleitungen, wie dabei vorgegangen werden kann, wobei die Praxis der Achtsamkeit hier im Zentrum des Übens steht.

Achtsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass wir innehalten, ruhig und still werden können und damit Freiheitsgrade in der Betriebsamkeit des Alltagsbewusstseins erlangen. Innehalten führt automatisch zu einem Abstand – einem »inneren Freiraum«, von dem aus neue Erfahrungen möglich werden. Darüber, wie man diesen Freiraum kultivieren und bewusst erweitern kann, ist viel in den buddhistischen Lehren zu finden.

Um den Prozess der Des-Identifikation von schwierigen Erfahrungen zu benennen und zu beschreiben, hat sich eine Gruppe von Meditationslehrer(inne)n und Therapeut(inn)en, rund um den Vipassana-Meditationslehrer Jack Kornfield auf das so genannte Akronym R-A-I-N verständigt. R steht für »recognition«, das Erkennen problematischer Muster, A für »acceptance«, das radikale Annehmen aller Phänomene, I für »investigation«, die genaue Untersuchung und Erforschung der schwierigen Strukturen und N für »non-identification« - Nicht-Identifikation.

Erkennen und Wandeln der »Wurzeln des Leids«

Buddha hat in seinen »4 edlen Wahrheiten« Grundsätzliches über die Natur des Leidens und ihre Ursachen formuliert. Nach Borghardt/Erhardt (2016) kann man sie so verstehen:

1. »Es gibt die Erfahrung von quasi allgegenwärtiger Anspannung (Leid)«.
2. »Es gibt erkennbare Ursachen dieser Anspannung (des Leids)« (= motivationale Identifikationen und der kognitive Ich-Gedanke).
3. »Es gibt die Erfahrung, völlig frei von Anspannung zu sein« - hiermit ist das »Erwachen« gemeint.
4. »Es gibt einen gangbaren, verlässlichen Weg, in diese Erfahrung des Freiseins von unnötiger Anspannung hineinzufinden« – und somit frei zu werden von allem reaktiven Leid. (vgl. S. 204/205)

Hierbei geht es nicht um den - in jedem Leben - unvermeidbaren Schmerz und schicksalhafte Leiderfahrungen, sondern um das Leiden, das wir uns alle durch falsche Beweggründe (Motivationen) selbst erzeugen. Durch das Aufspüren und Neutralisieren dieser so genannten »Geistesgifte« besteht die Möglichkeit, leidvolle Entwicklungen schon im Entstehen - an ihren Wurzeln - zu wandeln.

Buddhistische »Schattenarbeit«- das Chöd-Ritual

Das Chöd-Ritual, was wörtlich »Abschneiden« (von Ego-Fixierungen) bedeutet, kann man in den meisten Traditionslinien des tibetanischen Buddhismus als Bestandteil der Lehre und Teil der praktischen Übungen finden. Ebenso gibt es reine Chöd-Traditionslinien, die diese spirituelle Praxis als alleinige Vorgehensweise lehren.

Lama Tsültrim Allione hat in diesem Zusammenhang in ihrem Buch »Den Dämonen Nahrung geben« eine Brücke zur westlichen Psychologie und Psychotherapie geschlagen: Sie stellt dort eine gestalttherapeutische Übung vor, in der die Kernprinzipien dieser traditionellen Methode enthalten sind. Der Grundgedanke dabei, dass »Dämonen« abgespaltene Bewusstseinsinhalte sind, die befreit und damit zu »Verbündeten« werden können, findet sich auch an verschiedenen Stellen moderner psychologischer Ansätze unter der Überschrift »Schattenarbeit« wieder. (Mehr dazu in diesem Text.)

Das Herz im Mittelpunkt

Nach Jack Kornfield steht im Mittelpunkt der buddhistischen Psychologie-Praxis die Entwicklung eines »weisen Herzens«. Im Kapitel über »Das erwachte Herz« schreibt er dazu: »Wir tragen in uns die außergewöhnliche Begabung für Liebe, Freude und grenzenlose Freiheit. In der buddhistischen Psychologie ist dies gleichbedeutend mit geistiger Gesundheit«.

»Aus einem friedvollen Herzen entsteht Liebe.
Trifft Liebe auf Leid, wird daraus Mitgefühl.
Trifft sie auf Glück, wird daraus Freude.«

Jack Kornfield
(das weise Herz S. 542)

Literatur:

  • Anderssen-Reuster, Ulrike & Meibert, Jörg: Grundbegriffe einer Buddhistischen Psychologie. In: Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining, Schattauer, Stuttgart 2013.
  • Borghardt, Tilmann & Erhardt, Wolfgang: Buddhistische Psychologie. Grundlagen und Praxis. Arkana, München 2016
  • Kornfield, Jack: Das weise Herz - Die universellen Prinzipien buddhistischer Psychologie. Goldmann, München 2008
  • Thich Nhat Hanh: Die Heilkraft buddhistischer Psychologie. Goldmann, München, 2013
  • Tsültrim Allione: Den Dämonen Nahrung geben.  Arkana, München, 2009

©Maria-Anne Gallen, 2016
                                     
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