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 focusing als achtsamkeitspraxis

Ist Achtsamkeit ein Tun oder Sein, ein aktiver oder passiver Vorgang? Der sprachliche Ausdruck legt uns eher die zweite Variante nahe: Ich bin achtsam.

Wenn wir Achtsamkeit einüben, ausprobieren und lernen, erleben wir es wahrscheinlich eher als ein Handeln.

Im Focusing nähern wir uns dieser Praxis von beiden Seiten: Wir beschreiben eine Grundhaltung und formulieren eine Handlungsanweisung.

Grundhaltung

Die Grundhaltung im Focusing wird oft mit drei a-Adjektiven skizziert: akzeptierend, achtsam, absichtslos.

»Erlaube dem Leben so zu sein, wie es ist« und »erlaube anderen Menschen so zu sein, wie sie sind«. Das  sind Formulierungen, die eine bedingungslose und radikale Annahme (Akzeptanz) in Worte kleiden.

»Öffne dein Wahrnehmungs- und Spürbewusstsein für das, was im Augenblick in deinem Erleben geschieht«, könnte die achtsame Grundhaltung beschreiben.

»Lasse Entwicklungen einen natürlichen Gang gehen, ohne ihren Fluss zu unterbrechen oder zu beeinflussen« - skizziert Absichtslosigkeit.

Ich möchte an dieser Stelle noch ein viertes »a« anfügen, das für mich in den letzten Jahren bedeutsam geworden ist: aufrecht. Vielleicht ist es genau diese Variable, die unsere Grundhaltung transpersonal werden lässt - eine zentrierte und gerade Ausrichtung zwischen Himmel und Erde.

Besser als der Zen-Lehrer Kodo Sawaki kann ich das nicht formulieren: »Ein religiöses Leben zu führen bedeutet, eine aufrechte Haltung zu bewahren, selbst dann, wenn keiner zuschaut.«

Focusing tun ...

In der Achtsamkeitspraxis des Focusing steht unser körperlich fühlbares Erleben im Mittelpunkt der Selbst-Aufmerksamkeit, es wird hier als »felt sense« bezeichnet. Eine Umschreibung dafür ist: körperlich spürbare innere Resonanz.

Die Handlungsanweisung im Focusing ist, den »felt sense« entstehen zu lassen und mit ihm zu verweilen.

»Aus diesem Spüren heraus entfaltet sich Bedeutung«, ist eine wesentliche Aussage des Philosophen und Psychotherapeuten Eugene T. Gendlin, der Focusing »erfunden« hat. Anders ausgedrückt: Implizites (noch vage gespürtes) Erleben bekommt durch die bewusste Zuwendung explizite Bedeutung. Wir können es dann »symbolisieren«  und ausdrücken, als sprachlichen Begriff, visuelles Bild, emotionale Regung oder Körper-Botschaft.

Wenn wir dies tun, gehen wir immer wieder an die Quelle unseres Erlebens, den Ort in uns, wo Neues entstehen kann und verbinden uns so mit dem Fluss des Lebens.

Maria-Anne Gallen  (Jan. 2012)

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